Mehr Krankmeldungen in Berlin und Brandenburg trotz wirtschaftlicher Krise – Zunahme psychischer Erkrankungen

8.01.10

Ein neuer länderübergreifender Gesundheitsbericht, den das Netzwerk Gesundheitswirtschaft Health Capital gemeinsam mit der AOK Berlin-Brandenburg und der Barmer GEK Berlin-Brandenburg erstellt und am 6. Januar veröffentlicht hat, gibt einen repräsentativen Überblick über krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit der Beschäftigten in Berlin und Brandenburg.

 

Für die Erhebung wurden die Arbeitsunfähigkeits (AU-) Daten von ca. 620.000 pflicht- und freiwillig Versicherten der beiden Kassen aus den Jahren 2006, 2007 und 2008 ausgewertet. Der Bericht erfasst die Daten von 24,1% aller pflicht- und freiwillig versicherten Arbeitnehmer in Berlin und Brandenburg.   Entgegen der allgemeinen Annahme, dass in Krisenzeiten der Krankenstand sinkt, zeigt sich in Berlin und Brandenburg ein Anstieg des Krankenstandes von 4,4 % der Pflicht- und freiwillig Versicherten (2006) auf 4,7% (2008). Damit liegen diese Bundesländer deutlich über dem bundesweiten Krankenstand von 3,4%.

 

Psychische Erkrankungen- Diagnosegruppe

Erkrankungen aus der Kategorie „Psychische und Verhaltensstörungen“ wurden im Jahr 2008 36.711 mal diagnostiziert und liegen damit an siebter Stelle. Die Anteil der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen stieg von 10,4% (2006) auf 12,4% (2008). Hinsichtlich der Krankschreibungsdauer liegen die psychischen Erkrankungen im Jahr 2008 an dritter Stelle nach Erkrankungen der Atemwege und des Muskel- und Skelettsystems. Sämtliche Parameter zu den psychischen Erkrankungen (AU-Fall-Anteil, AU-Tage-Anteil, durchschnittliche Krankschreibungshäufigkeit und –dauer) sind seit 2006 angestiegen.  

 

Psychische Erkrankungen - Einzeldiagnosen

Hervorstechend sind in der Diagnosegruppe der psychischen Erkrankungen die depressive Episode: Sie verursacht einen AU-Tage-Anteil von 4% und dauert im Jahr 2008 durchschnittlich 38 AU-Tage pro Fall. Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen weisen in 2008 einen AU-Tage-Anteil von 2,5% auf mit der durchschnittlichen Dauer einer Krankschreibung von 22,1 Tage pro Fall. Im Jahresvergleich sind bei beiden Diagnosen der AU-Tage-Anteil und die Krankschreibungsdauer seit 2006 kontinuierlich gestiegen.  

 

Geschlechts- und Altersunterschiede

Bei den Frauen machen die psychischen Erkrankungen im Jahr 2008 bereits den zweitgrößten AU-Tage-Anteil (Männer achtgrößter) aus. Rund jede zehnte Frau, aber nur jeder zwanzigste Mann ist aufgrund einer psychischen Erkrankung im Jahr 2008 ausgefallen. Auch die durchschnittliche Krankschreibungsdauer ist 2008 bei Frauen mit 31,4 Tagen pro Fall deutlich länger als bei Männern (25,4 Tage pro Fall). Hinsichtlich der übrigen Diagnosegruppen zeigen sich zwischen den Geschlechtern keine großen Unterschiede. Es zeigen sich bei den psychischen Erkrankungen keine altersspezifischen Trends. Die höchsten AU-Fall- und AU-Tage-Anteile finden sich bei Beschäftigten mittleren Alters.

 

Unterschiede zwischen den Branchen

Im Gesundheitswesen Tätige haben das größte Risiko, psychisch zu erkranken. Der Anteil der AU-Tage wegen psychischer Erkrankungen in der Gesundheitsbranche ist seit 2006 deutlich angestiegen. Auch die öffentliche Verwaltung weist einen überdurchschnittlich hohen AU-Tage-Anteil durch psychische Erkrankungen auf.  

 

Diskussion

Die Verfasser des Berichts erläutern: Die Analyse der Krankschreibungshäufigkeit und der Krankschreibungsdauer zeigt, dass der Anstieg des Krankenstandes seit 2006 auf häufigere Krankschreibungen zurückzuführen ist. Im Durchschnitt sind die Pflicht- und freiwillig Versicherten in Berlin und Brandenburg im Jahr 2008 1,3 mal pro ganzjährig Versichertem und damit etwas häufiger als noch 2006 (1,2 Fälle/VJ) krankgeschrieben. Die durchschnittliche Krankschreibungsdauer liegt bei 13,3 AU-Tagen pro Fall und hat sich damit im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert.  

 

Der besonders hohe Krankenstand im Gesundheitswesen spiegelt nach Meinung der Autoren die zunehmenden Leistungsanforderungen bei schlechten Arbeitsbedingungen (Leistungsverdichtung, Zeitdruck, Überforderung, Verantwortungsdruck) wider. Für die öffentliche Verwaltung wird der starke Veränderungsdruck auf die Beschäftigten angeführt. Die Sparmaßnahmen im öffentlichen Bereich wirkten sich in Reorganisationen, Leistungsverdichtung und dem Verschieben von Mitarbeitern in andere Bereiche aus. Gleichzeitig gebe es im öffentlichen Beschäftigungssektor aber auch das Phänomen, dass die Beschäftigten ihren Arbeitsplatz sicher wissen und eher als andere Arbeitnehmer bei Erkrankungen zuhause blieben.  

 

Insgesamt sind sich die Autoren der Studie einig, dass die Krankenversicherten unter einem stetig wachsenden Leistungs- und Zeitdruck leiden. Dadurch sei auch der Anstieg der Zahl der psychisch Erkrankten zu erklären. Bei den psychischen Erkrankungen fielen aufgrund der Langwierigkeit die depressiven Episoden und die Reaktionen auf schwere Belastungen in die Gruppe der zehn Einzeldiagnosen mit den größten AU-Tage-Anteilen. Im betrieblichen Kontext könnten fördernde Faktoren für derartige Erkrankungen im psychosozialen Bereich liegen. Die Art der Kommunikation zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern sowie zwischen den Mitarbeitern spiele hier eine große Rolle. Auch Resignation im Hinblick auf erwartete, aber seit langer Zeit nicht stattfindende Veränderungen wie auch eine Überforderung durch starke und Unsicherheit erzeugende Veränderungen oder dauerhafte Arbeitsüberlastung insbesondere in Kombination mit fehlender Anerkennung und Unterstützung könne zum psychischen Rückzug und damit zu depressionsähnlichen Zuständen führen.

Deutlich wird in jedem Falle der starke Einfluss von Arbeitsbedingungen auf die Gesundheit. Gerade die Mitarbeiter der großen Dienstleistungsbranchen aus Gesundheitswirtschaft und Verwaltung scheinen von neuen psychischen Belastungen betroffen zu sein und brauchen zum Erhalt ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer Gesundheit eine neue Form der Unterstützung durch ihre Arbeitgeber (Betriebliches Gesundheitsmanagement).  

 

Zur Erläuterung:

Von einem AU-Fall ist dann die Rede, wenn eine Krankenkasse durch den behandelnden Arzt davon in Kenntnis gesetzt wird, dass ein Arbeitnehmer arbeitsunfähig ist. Die AU-Kalendertage geben die Anzahl der Tage (Montage bis Sonntage) an, die zwischen dem Beginn einer Arbeitsunfähigkeit und deren Ende liegen.  

 

Der Originalbericht steht als Download zur Verfügung: www.healthcapital.de