Neue Strukturen, sichere Finanzierung, vereinfachte Wege sind notwendig

Leben am Limit – Psychotherapie und soziale Teilhabe - Pressemitteilung 08/2018

Berlin, 14.06.2018. „Wir benötigen dringend einfachere, übersichtliche Strukturen und eine sichere Finanzierung der Hilfe für Menschen in Not“, forderte Dipl.-Psych. Barbara Lubisch beim Symposium der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) heute in Berlin. „Zwischen Armut, Arbeitslosigkeit und schweren, oftmals chronischen psychischen Erkrankungen besteht ein deutlicher Zusammenhang. Schwer psychisch Kranke leiden nicht nur unter ihren Symptomen, sondern sind häufig auch von weiteren Einschränkungen betroffen. Ihre Teilhabe an Ausbildung, Arbeit, Wohnen, Familie und Freizeit ist eingeschränkt, die soziale Teilhabe entsprechend gering. Schwere psychische Erkrankungen gehen auch mit einem erhöhten Risiko an somatischen Erkrankungen einher“, betonte die Bundesvorsitzende der DPtV.

Den psychotherapeutischen Praxen fehlten formale Regelungen sowie finanzielle Ressourcen, die für die aufwändige, kooperative Behandlung dieser Krankheitsbilder notwendig sind. Um die Lage zu verbessern seien die Psychotherapeuten in vollem Umfang in das System von Kooperation und Verordnung notwendiger Leistungen einzubeziehen, dazu gehörten auch die die Befugnis zur Überweisung z.B. an Psychiater, Neurologen oder Internisten sowie die Befugnis zur Verordnung von Ergotherapie. Für die interdisziplinären Fallbesprechungen mit Ärzten müssten Im Vergütungssystem Ziffern geschaffen werden. Und die aufsuchende Behandlung müsse erleichtert werden, unterstrich Lubisch.

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der DPtV, Dipl.-Psych. Gebhard Hentschel, forderte den Gesetzgeber dringend zur Nachbesserung der neu geschaffenen Regelungen zum ‚Home-Treatment‘ (Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen, PsychVVG) auf.
Dort ist die vernetzte, multiprofessionelle aufsuchende Versorgung in Paragraph 115d Sozialgesetzbuch V (SGB V) im häuslichen Umfeld in Form einer stationsäquivalenten Behandlung geregelt. Diese müsse zukünftig auch durch niedergelassene Psychotherapeuten initiiert, die Behandlerteams nach fachlichen Gesichtspunkten zusammengestellt, koordiniert und durchgeführt werden können. Bisher sei nicht geregelt, dass der ambulant tätige Psychotherapeut in das fachärztlich geleitete Behandlungsteam zwingend mit aufgenommen werden muss. Das sei unverständlich, kritisierte Hentschel.
„Auch ist aus fachlicher Sicht nicht nachvollziehbar, dass die Behandlungsverantwortung zwangsläufig an das stationäre Setting übergeht und ausschließlich fachärztlich geführt werden kann.“

Dr. med. Dipl.-Psych. Detlev E. Gagel, kritisierte die ‚Versäulung’ der Kostenträger (Krankenversicherung, Rentenversicherung, Sozialhilfe und Arbeitsagentur) mit wenigen Schnittstellen und Übergängen. Die Selbsthilfe sei zwar etabliert, bislang aber wenig wirksam. Angehörige fühlten sich nach wie vor überlastet und in ihrem Schicksal durch eine Rund-um-die-Uhr-Zuständigkeit allein gelassen. Die Strukturen seien zu kompliziert und für Menschen mit psychischen Störungen oft nicht durchschaubar und damit nicht erreichbar.

Die Vernetzung von Hilfen gelinge nach wie vor nur ansatzweise. Derzeit sei noch nicht absehbar, welche Reformen durch das in 2017 in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz tatsächlich realisiert werden können. „Das führt zum „inverse care law“ (Gesetz der verdrehten Versorgung), demzufolge diejenigen, die der umfassendsten Hilfe bedürfen, die geringste Unterstützung erfahren und umgekehrt. Die Situation wird aktuell durch einen steigenden Fachkräftemangel, lange Wartezeiten bis zum Beginn einer Behandlung sowie den unheilvollen Einfluss von zunehmend leichter verfügbaren, illegalen Drogen verschärft“, verdeutlichte Gagel beim Symposium „Leben am Limit – Psychotherapie und soziale Teilhabe“. Die Stärkung der kommunal finanzierten Sozialpsychiatrischen Dienste wäre ein wichtiger Impuls“, betonte Gagel als Vertreter des Bundesnetzwerks sozialpsychiatrische Dienste. Er forderte auch, dass die sozialpsychiatrischen Dienste in staatlicher Hand liegen sollten und nicht an externe Träger gegeben werden dürften.


Pressemappe (Pdf)

 

Für Fragen bitte kontaktieren: 
Ursula-Anne Ochel
Tel.: 033636 – 27 90 78 | Mob: 0171 – 322 43 46 | E-Mail: DPtV-Presse@t-online.de