Nachlese Symposium am 18. Juni 2009 in Berlin

Psychotherapie bei körperlichen Erkrankungen

Körperliche Erkrankungen gehen oft mit psychischen Störungen einher, die einer psychotherapeutischen Behandlung bedürfen. Psychotherapeutische Interventionen tragen zur gelungenen Krankheitsbewältigung bei, indem belastende Faktoren reduziert und Ressourcen mobilisiert werden.
Um bei körperlichen Erkrankungen psychotherapeutisch wirkungsvoll helfen zu können, bedarf es einer Berücksichtigung sozialer, psychischer und biologischer Zusammenhänge der Krankheitsentstehung und Aufrechterhaltung. Psychotherapeutische Kompetenz wird bei diesen Krankheiten jedoch noch zu wenig genutzt.
In unserem Symposium am 18. Juni 2009 haben wir uns schwerpunktmäßig der Psychotherapie bei Diabetes Mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie chronischen Schmerzen unter Einbeziehung von Fachwissenschaftlern und Praktikern unterschiedlicher Richtungen gewidmet und dies in einem Expertengespräch vertieft. Die Beiträge (s.u.) und Diskussionen brachten für die psychotherapeutische Praxis interessante Ansätze für die Behandlung von Patienten mit diesen Krankheiten und sind von den zahlreichen Besuchern mit großem Interesse aufgenommen worden.

Referate zum Herunterladen:

Veranstaltungsflyer

„Manipuliert die Pharmaindustrie die Seele? Nutzen und Risiken der Psychopharmakabehandlung“ am 05.11.2009

Diskussionsveranstaltung der Landesgruppe Hessen

Psychopharmakaverordnungen boomen. Wie einseitig somatisch fixiert das deutsche Gesundheitssystemimmer noch ist, zeigt sich an der hohen Verschreibungsrate von Psychopharmaka. Vor allem die Verordnungen von Antidepressiva bei Frauen und bei älteren Menschen, ebenso die von Stimulantien bei Kindern und Jugendlichen nehmen seit Jahren kontinuierlich zu. So ergab laut einer DAK-Pressemeldung vom 20. 11. 2008 eine Forsa-Studie, dass innerhalb eines Jahres die Zahl der Psychopharmaka-Verordnungen bei Schülern um 13,6% zugenommen hat: „Um leistungsfähiger zu sein und mit dem Stress fertig zu werden, greifen nach Angaben der Eltern 12% der gestressten Schüler häufig oder gelegentlich zu Medikamenten“. Die unkritische Verabreichung und Einnahme von Psychopharmaka ist auch ein gesellschaftliches Problem. Wenn Menschen an für sie unerträglichen Umständen leiden und psychisch krank werden, ist es notwendig, sich mit diesen Umständen auseinanderzusetzen und die Fähigkeiten dazu zu entwickeln. Der schnelle Griff zum Medikament ist oft nur eine Scheinlösung, die auf Dauer nicht hilft und die Selbsthilfemöglichkeiten schwächt.

Ziel der Veranstaltung war die Auseinandersetzung mit diesen Themen. Mit Informationen und Diskussionen sollte ein Beitrag zur Veränderung dieser Situation geleistet werden.

Nach der Begrüßung durch die Vorsitzende der DPtV-Landesgruppe Hessen, Else Döring, führte Michael Ruh in das Thema ein. Die Referenten der Veranstaltung waren Prof. Dr. Klaus Lieb, Dr. Hans Weiss, Dr. Nick Schulze-Solce und Prof. Dr. Gerd Glaeske. Alle Vortragenden haben die Kernaussagen ihrer Beiträge nachfolgend in einer kurzen Zusammenfassung zur Verfügung gestellt.

Die Moderation der Veranstaltung hatte Elmar Esser, Journalist und Berater für Politik und Kommunikation im Gesundheitswesen, -zwo Health Focus Mentoring, übernommen.

Im Anschluss an die Vorträge fand eine Podiumsdiskussion, an der alle Vortragenden teilnahmen, statt. Hier waren Fragen und Beiträge aus dem Publikum erwünscht.

Kritisch befragt wurde zunächst vor allem Herr Dr. Schulze-Solce. Der von ihm geäußerte Standpunkt, dass die Pharmaindustrie nicht verantwortlich sei für den Anstieg am Verbrauch von Psychopharmaka, da es letztendlich die Ärzte seien die verschreiben, wurde vom Publikum so nicht akzeptiert. Die allseits bekannten teilweise recht vehementen Marketingmaßnahmen der Pharmaindustrie wurden dem entgegengehalten.

In diese Diskussion griff Professor Glaeske mit der Forderung nach wirtschaftsunabhängigen Studien zur Erforschung von Heilmethoden und auch Medikamenten ein. Er forderte hierfür 0,5 % des Etats der gesetzlichen Krankenversicherungen zu verwenden, was immerhin eine Summe von etwa 800. Mill. € pro Jahr ausmachen würde.

Anschließend nahm die Diskussion eine etwas andere Richtung hin auf die Psychotherapie. Sowohl Professor Glaeske als auch Prof. Lieb forderten bessere Evidenz basierte Nachweise der Wirksamkeit von Psychotherapie. Brisant erscheinen diese Aussagen vor allem vor dem Hintergrund, dass beide Referenten nicht ohne Einfluss auf die deutsche Gesundheitspolitik sind. Professor Glaeske berät Politik über das Institut für das er arbeitet, Prof. Lieb ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie. Beide betonten die schlechte Datenlage für viele psychotherapeutische Verfahren. Besonders Prof. Lieb erwähnte, dass Psychotherapie für viele Diagnosen angewendet werden würde, für die die Verfahren überhaupt keine Nachweise erbracht hätten. Es wurde hierdurch deutlich, dass der Referent Psychotherapie in einer bestimmten Art und Weise denkt, nämlich in der Art von medizinischer Behandlung: eine Diagnose - eine spezifische Behandlungsreaktion.

Nachvollziehbar, dass diese Aussagen im überwiegend von Praktikern besetzten Plenum auf Widerspruch stießen. Einig waren sich alle Anwesenden am Schluss - vielleicht bis auf Herrn Dr. Schulze-Solce, dass das Anwachsen der Mengen der in Deutschland gebrauchten Psychopharmaka besorgniserregend sei und der Aufmerksamkeit und des Gegensteuerns bedürfe.

Referate zum Herunterladen:

  • Prof. Dr. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz: Mitglied im wiss. Beirat Psychotherapie und in der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, im Vorstand von MEZIS (eine Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte)
  • Dr. Hans Weiss, Autor der Bücher „Bittere Pillen“ und „Korrupte Medizin“, Journalist, Psychologe, Philosoph
  • Dr. Nick Schulze-Solce, Arzt und Apotheker, Mitglied der Geschäftsführung der Lilly Pharma Holding GmbH, Bad Homburg
  • Prof. Dr. Gerd Glaeske, Professur/Abteilungleiter für Arzneimittelanwendungsforschung am Zentrum für Sozialpolitik der Univ. Bremen, Co-Abt.Leiter Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik, Versorgungsforschung an der Univ. Bremen
  • Hans-Jochen Weidhaas, Dipl.-Psych., Stellv. Bundesvorsitzender der DPtV

Veranstaltungsflyer